Priestermangel“ – ein Faktencheck

Eine über­ar­beit­ete Ver­sion dieses Entwur­fes wurde in der katholis­chen Wochen­zeitung „Die Tage­s­post“ am 22. Novem­ber 2018 (Seite 9) unter dem Titel „Zahlen lügen nicht. Wem nützt der Mythos Priester­man­gel? Immer mehr Geistliche betreuen in Deutsch­land immer weniger Gläu­bige.“ veröf­fentlicht. (hier: Online, oder im Online-Archive.org).

In let­zter Zeit beton­ten neben dem ZdK-Vor­sitzen­den Stern­berg, der von einem Priester­man­gel „katas­trophalen Aus­maßes“ sprach, auch der Mün­ster­an­er Gen­er­alvikar Köster von ein­er „Not­lage“. Umge­hend wird die Abschaf­fung des Zöli­bates, oder – verdeckt – „ein Nach­denken“ über soge­nan­nte „viri pro­bati“ gefordert. Doch stimmt der behauptete Priester­man­gel und damit die Argu­men­ta­tion­s­grund­lage für „viri pro­bati“? Was ist dran an der Behaup­tung, es gäbe in Deutsch­land einen mas­siv­en Priester­man­gel?
Unbe­strit­ten: Die absolute Zahl der Priester ist im Ver­gle­ich zu den let­zten Jahrzehn­ten auf einem Tief­s­tand ange­langt. Doch was sagt diese absolute Zahl? Müssen die Zahlen nicht vielmehr in Rela­tion geset­zt wer­den? Die Zahlen des Sekre­tari­ates der Deutschen Bischof­skon­ferenz helfen, diese Rela­tion trotz ein­er fast zwei Jahrzehnte lan­gen Daten­lücke in den 1970er-1990er Jahre zu unter­suchen, zum Teil bis zurück in die 1950er Jahre.1)Die sta­tis­tis­chen Dat­en, aus denen auch die fol­gen­den Dia­gramme erstellt wur­den, stam­men vom Sekre­tari­at der Deutschen Bischof­skon­ferenz, vor allem: Sekre­tari­at der Deutschen Bischof­skon­ferenz (Hrsg.): Kirch­lich­es Hand­buch. Sta­tis­tis­ches Jahrbuch der Bistümer im Bere­ich der Deutschen Bischof­skon­ferenz. Die Dat­en der mehreren Bände und früheren Pub­lika­tio­nen in der Rei­he (z. T. unter leicht abge­wan­del­tem Titel) sind auch gut zusam­menge­tra­gen in Detlef Pol­lack und Michael Krüggel­er: Kirchen­sta­tis­tis­che Zeitrei­hen von 1949 bis 2010. Online: Zeitrei­hen zur His­torischen Sta­tis­tik, GESIS, 2016. Studien-Nr.: ZA8629.

Die Eucharistie ist die Quelle und der Höhep­unkt des ganzen christlichen Lebens (Lumen Gen­tium 11). In der Heili­gen Messe kon­sti­tu­iert sich Kirche. Aus diesem Grund muss als erste Rela­tion die Anzahl der Gottes­di­en­st­be­such­er zu Priestern unter­sucht wer­den. Die Mit­feiern­den in der Heili­gen Messe sind eher Maßstab für die Bew­er­tung ein­er „eucharis­tis­chen Unter­ver­sorgung“, als die Zahl der staatlich reg­istri­erten Ange­höri­gen der öffentlich-rechtlichen Kör­per­schaft „Katholis­che Kirche“.

Ver­hält­nis „aktive“ Priester zu „aktiv­en“ Gläu­bi­gen 2)Bei der Auswer­tung sind Ruh­e­s­tands­geistliche ohne Auf­trag nicht mit ein­gerech­net; ein­berech­net sind bei Vari­ante 1 Priester, die in der Kat­e­go­ri­alseel­sorge, Ver­wal­tung etc. arbeit­en.

Die Zahlen zeigen, dass sich das Betreu­ungsver­hält­nis von „aktiven“Priestern zu „aktiv­en“ Gläu­bi­gen seit 1950 fast ver­dop­pelt hat. Ein Priester ist im sta­tis­tis­chen Durch­schnitt heute nur noch für die Hälfte an „aktiv­en“ Gläu­bi­gen zuständig (1950: 700 bzw. 581 Gläu­bige pro Priester; 2015: 310 bzw. 249 Gläu­bige). Auch im Bere­ich der anderen Kasu­alien zeigt sich eine sig­nifikante Besser­stel­lung zu früher.

Trau­un­gen, Taufen, Gottes­di­en­st­teil­nehmer (abso­lut)

Im Ver­gle­ich zu früher hat ein Priester heute im Durch­schnitt bei mehr als 50% weniger Trau­un­gen zu assistieren (1960: 11; 2015: 4 Trau­un­gen pro Jahr). Bei den Taufen sind es heute fast 30 Prozent, bei den Erstkom­mu­nio­nen seit 1960 mehr als 15% weniger.

Beerdi­gun­gen, Taufen, Trau­un­gen pro Priester

Jedoch: Während die Anzahl der Fir­mungen im Ver­hält­nis etwa gle­ich geblieben ist, haben sich die Beerdi­gun­gen pro Priester fast ver­dop­pelt. Zählt man die mehr als 8300 aktiv­en nicht-priester­lichen Seel­sorg­er wie haupt­beru­fliche Diakone, sowie Gemeinde- und Pas­toral­ref­er­enten hinzu (nicht mit ein­gerech­net sind Diakone im Zivil­beruf), die ab dem 2. Vatikanis­chen Konzil ver­mehrt eingestellt wur­den, rel­a­tiviert sich jedoch auch die Zahl der Beerdi­gun­gen pro Priester.
Anhand dieser Zahlen kann also bei weit­em nicht von einem Priester­man­gel oder ein­er „Unter­ver­sorgung“ von „aktiv­en“ Gläu­bi­gen gesprochen wer­den. Seit Jahrzehn­ten verbessert sich der Per­son­alschlüs­sel.

Wie sieht es mit dem vorge­bracht­en Ein­wand der ter­ri­to­ri­alen Ent­fer­nun­gen aus?
Würde man die etwa 7000 nur in der Pfarrseel­sorge täti­gen Priester rein rech­ner­isch im gle­ichen Abstand in der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land verteilen,3)Fläche: 357.385,71 km². hätte jed­er Priester einen „Einzugskreis“ von etwa 3,5 Kilo­me­tern. Nimmt man die in son­sti­gen Bere­ichen wie der Ver­wal­tung oder Kat­e­go­ri­alseel­sorge täti­gen Priester noch hinzu – immer­hin über 20 Prozent der Priester –, verklein­ert sich der Kreis noch ein­mal um mehrere hun­dert Meter. Rein rech­ner­isch brauchen Gläu­bige damit Luftlin­ie etwa 3,5 Kilo­me­ter, um zu einem Priester im aktiv­en Dienst zu gelan­gen. In der Real­ität ist hier natür­lich ein großes Ungle­ichgewicht zwis­chen Stadt und Land gegeben.
Und den­noch gibt es ein Prob­lem in Bezug auf die Ter­ri­to­ri­al­struk­tur: Während sich die Zahl der „aktiv­en“ Priester in den let­zten Jahrzehn­ten etwa hal­biert hat, ist die Anzahl an Pfar­reien und Seel­sorge­bezirken mit etwa 11.000 gle­ich geblieben. Damit zusam­men­hän­gend ist die Zahl der Son­ntags­gottes­di­en­ste pro Priester in den let­zten Jahren leicht gestiegen – mit jew­eils immer weniger Gläu­bi­gen. Diese klein­teili­gen Struk­turen erzeu­gen einen großen Bürokratieaufwand.

Die meis­ten von uns fahren jede Woche deut­lich weit­er zum Einkaufen, zum „Shop­ping“ oder für ein kul­turelles Event, als die oben ange­sproch­enen 3,5 Kilo­me­ter. Der durch­schnit­tliche Pendler fuhr 2016, laut Auskun­ft des Bun­desin­sti­tuts für Bau‑, Stadt- und Raum­forschung, 16,91 Kilo­me­ter zur Arbeit – jew­eils hin und zurück.4)Sören Götz: Deutsche pen­deln im Schnitt rund 17 Kilo­me­ter zur Arbeit. In: Zeit-Online, 19.09.2017. Weit­ere Dat­en des Bun­desin­sti­tuts für Bau‑, Stadt- und Raum­forschung (BBSR) auch in einem Artikel aus dem Jahr 2017: Thomas Pütz / BBSR: Immer mehr Men­schen pen­deln zur Arbeit. Online, April 2017.

In manchen Bun­deslän­dern liegt der Durch­schnitt über 30 Kilo­me­ter und manche Pendler nehmen sog­ar regelmäßig 150 Kilo­me­ter Pen­del­weg auf sich.
Wie klein- bzw. großteilig müssen also kirch­liche Struk­turen sein? Wie sieht es im Ret­tungswe­sen aus? In Deutsch­land sollte nach Ein­gang eines Notrufes in weni­gen Minuten Hil­fe da sein. Diese Hil­fe wird in Deutsch­land über ca. 321 Ret­tungsleit­stellen koor­diniert, die etwa 1.800 Ret­tungswachen ansprechen (Zahlen: Bun­de­sanstalt für Straßen­we­sen). Die haben – wieder rein rech­ner­isch, wenn man diese gle­ich­mäßig ver­streuen würde – einen Aktion­skreis von etwa 5 Kilo­me­tern. 1.800 in ganz Deutsch­land. Die Diözese Rot­ten­burg-Stuttgart hat im Ver­gle­ich über 1.000 Pfar­reien. Würde man eine Ent­fer­nung von rech­ner­isch 15 Kilo­me­ter annehmen – mit kleinen Umwe­gen die Strecke, die jed­er durch­schnit­tliche Pendler in Deutsch­land zur Arbeit fährt –, dann bräuchte es in ganz Deutsch­land etwa 506 kirch­liche Zen­tren. Selb­st bei durch­schnit­tlich weniger als 2 Priester­wei­hen pro Jahr pro Diözese und bei 35 Dien­st­jahren, kön­nte man min­destens jew­eils 3 Priester an diesen kirch­lichen Zen­tren sta­tion­ieren.

Sowohl in Bezug auf den Per­son­alschlüs­sel „aktive“ Priester / „aktive“ Gläu­bige, als auch auf die ter­ri­to­ri­ale Struk­tur in Deutsch­land – wenn man sie an Größen anpassen würde, die ein durch­schnit­tlich­er Pendler täglich zurück­legt – kann somit nicht von einem Priester­man­gel gesprochen wer­den kann. Sind vielle­icht eher unsere Pri­or­itäten in Bezug auf die Heilige Messe anders, als bspw. die tägliche Fahrt zur Arbeit oder zum näch­sten „Shop­ping“ oder anderen kul­turellen „Events“?

Weit­er zum Kom­men­tar: „Priester­man­gel“, ein Indiz für ein ern­sthaftes Kul­tur- und Glauben­sprob­lem.

Fußnoten   [ + ]

1. Die sta­tis­tis­chen Dat­en, aus denen auch die fol­gen­den Dia­gramme erstellt wur­den, stam­men vom Sekre­tari­at der Deutschen Bischof­skon­ferenz, vor allem: Sekre­tari­at der Deutschen Bischof­skon­ferenz (Hrsg.): Kirch­lich­es Hand­buch. Sta­tis­tis­ches Jahrbuch der Bistümer im Bere­ich der Deutschen Bischof­skon­ferenz. Die Dat­en der mehreren Bände und früheren Pub­lika­tio­nen in der Rei­he (z. T. unter leicht abge­wan­del­tem Titel) sind auch gut zusam­menge­tra­gen in Detlef Pol­lack und Michael Krüggel­er: Kirchen­sta­tis­tis­che Zeitrei­hen von 1949 bis 2010. Online: Zeitrei­hen zur His­torischen Sta­tis­tik, GESIS, 2016. Studien-Nr.: ZA8629.
2. Bei der Auswer­tung sind Ruh­e­s­tands­geistliche ohne Auf­trag nicht mit ein­gerech­net; ein­berech­net sind bei Vari­ante 1 Priester, die in der Kat­e­go­ri­alseel­sorge, Ver­wal­tung etc. arbeit­en.
3. Fläche: 357.385,71 km².
4. Sören Götz: Deutsche pen­deln im Schnitt rund 17 Kilo­me­ter zur Arbeit. In: Zeit-Online, 19.09.2017. Weit­ere Dat­en des Bun­desin­sti­tuts für Bau‑, Stadt- und Raum­forschung (BBSR) auch in einem Artikel aus dem Jahr 2017: Thomas Pütz / BBSR: Immer mehr Men­schen pen­deln zur Arbeit. Online, April 2017.